Jesuitenpater von Gemmingen bei der KF Friedenfels

10. April 2017

Kolpingsfamilie Friedenfels

Aufrüttelndes Referat von Jesuitenpater Eberhard Freiherr von Gemmingen

Aufrüttelndes Referat von Jesuitenpater Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg. 27 Jahre leitete er die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan. Der Pater sprach in Friedenfels bei der Kolpingsfamilie.


v. l.: Ruhestandspriester Siegfried Wölfel, Vorsitzender Reiner Gärtner, KEB-Bildungsreferent Hans Stelzl, Bürgermeister Gottfried Härtl, Pater Martin, Pater Gemmingen, Pfarrer Joseph, Mütterverein-Vorsitzende Monika Seidel und KEB-Vorsitzende Anneliese Krenkel

Die Kolpingsfamilie bietet zahlreiche Vorträge an, doch so viele Zuhörer kamen noch nie. Die Stühle im Saal des Vereinslokals reichten nicht aus. Mit dem Vortrag des prominenten Jesuitenpaters hatten die Veranstalter einen Nerv getroffen. Mit „Gott grüße Dich“ und dem „Friedenfelser Heimatlied“ hieß der Männergesangsverein den Pater willkommen. Zuvor hatte der Geistliche mit Pfarrer Joseph und Ruhestandsgeistlichem Siegfried Wölfel einen Gottesdienst in der Pfarrkirche „Maria Immaculata“ gefeiert.

„Vergisst Europa den wichtigsten „Europäer“ – Jesus von Nazareth?“ lautete das Thema. Viele Europäer können heute mit dem Wort „Gott“ nur noch wenig anfangen, bedauerte der Jesuitenpater. Besonders im Leben junger Menschen spiele es oft kaum mehr eine Rolle. Mit den Worten: „Ich will keine Predigt halten, doch Fakten und Diagnosen muss man erkennen und behandeln“ eröffnete der bekannte Journalist, der die Arbeit des Vatikans viele Jahre durchaus auch kritisch beleuchtete, seinen Vortrag. Von Gemmingen: „Tatsache ist, wenngleich es hier in Friedenfels noch etwas anders sein kann, dass Kinder zur Erstkommunion gebracht werden und sie keine Ahnung vom Vaterunser haben, keine Ahnung vom Kreuzzeichen, der Muttergottes und keine oder nur wenige Gottesdienstbesuche hinter sich haben.“ Was über Jahrhunderte in Europa üblich war, sei in den Nachkriegsjahren weggebrochen. Ursache dieses Traditionsbruchs seien vershiedene Entwicklungen, u.a. das Ende der landwirtschaftlichen Gesellschaft, eine Verstädterung begleitet von Anonymität, Materialismus und dem schwindenden kirchlichen Einfluss. Auch der Religionsunterricht in den Schulen bringe wenig, wenn der Glaube zu Hause nicht gefördert werde, erklärte der Geistliche. „Wir sprechen vom Dialog mit dem Islam und kennen die eigene Religion kaum. Wir glauben zwar, dass jeder Mensch das ewige Heil erreichen kann, wenn er seinem Gewissen folgt. Aber der Glaube an Jesus Christus ist eine Bereicherung des Lebens. Wir müssten davon überzeugt sein. Sind wir es?“ Der Referent fügte an: „Früher glaubten wir, dass das ewige Heil davon abhängt. Wir hatten Angst vor dem Gericht. Wir müssen uns mit dem Glauben befassen, ihn kennen, um von ihm überzeugt zu sein.“ Darüber hinaus habe christlicher Glaube auch höchste politische und gesellschaftliche Bedeutung.

„Europa hat Gott vergessen!“ Es bedürfe eines neuen Offenbarungsurknalls. „Viele Menschen in Mitteleuropa haben ein gespaltenes, widersprüchliches Verhältnis zu Religion und Christentum. Sie bewundern zwar die kulturellen Leistungen alter Religionen, Bauten, Schriften und Lehren. Sie erkennen auch die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung von Religionen an. Die Zerstörung von religiösem Weltkulturerbe wird scharf verurteilt, man ist auch dankbar für die caritativen Leistungen der Kirche. Man empfindet Kirche aber eher als einen Dienstleistungsbetrieb.“ Kirche sei nützlich und effizient für Schulen, Krankenhäuser, Altenpflege oder eine würdige Beerdigung. Auch möchten die Europäer ihre Dome und Dorfkirchen nicht vermissen. „Aber zum Glauben, besonders zum christlichen Glauben selbst, haben heute viele Menschen ein zurückhaltendes Verhältnis.“ Es gebe Zweifel: Kann man an einen allmächtigen und gütigen Gott glauben, der so viel Leid zulässt? Kann man sich auf eine Kirche einlassen, die früher und auch heute so viel menschliche Schwäche zulässt? Der Referent fragte weiter: „Kann man nicht ein guter und auch gläubiger Mensch sein, ohne einer Kirche anzugehören? Und warum soll ich Kirchensteuer zahlen, wenn ich den Service der Kirche ohnehin nicht brauche?“

„Der Mensch muss sich in die Arme Jesu werfen!“

Als einen Vordenker schilderte der Freiherr dann Kardinal Josef Ratzinger, der 1989 in Frankreich sagte: „Wo Gott und die von ihm gesetzte Grundform menschlicher Existenz aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt und ins Private, rein Subjektive abgeschoben wird, löst sich der Rechtsbegriff auf und damit das Fundament des Friedens.“

Auch Papst Franziskus habe viel übernommen von dem, was Kardinal Walter Kasper in seinem Büchlein „Das Evangelium von der Familie“ geschrieben hat, wusste der Pater. Das Sakrament der unauflöslichen Ehe dürfe nicht in Frage gestellt werden. Aber neben dem Jesuswort „Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen“ gebe es eben noch die Worte Jesu über die Barmherzigkeit gegenüber dem Sünder, so von Gemmingen. Er zitierte Kardinal Kasper weiter: Es kann keine allgemeine Erlaubnis an alle geschieden Wiederverheirateten zur Kommunion geben. Wir dürfen uns nicht von der üblichen Terminologie in die Irre führen lassen. Die mögliche Zulassung  wird gewöhnlich als liberale Lösung erklärt. Sie setzt aber auf alle Fälle die innere Umkehr voraus, die Frage nach der eigenen Schuld für das Scheitern der ersten Ehe, die Reue für die eigenen Fehler und die Bitte um Zulassung zur Kommunion aus dem Wunsch, wirklich mit dem Herrn vereint zu werden. Es geht darum, „dass ein Mensch sich in die Arme Jesu werfen will“, so der Referent.

Als weitere „Therapievorschläge“ nannte der Jesuitenpater die zehn Gebote. „Jeder muss sich informieren, theologisch weiterdenken und sollte die Bibel lesen. Religiöse Bildung dürfe nicht allein dem Religionsunterricht überlassen werden. Wenn Eltern nicht mit ihren Kindern beten, sei „Reli und Pfarrei“ ohne Chancen, erklärte der Jesuit.

Mit einem herzlichen „Vergelt‘s Gott“ bedankte sich abschließend von Gemmingen bei den Friedenfelsern. Fast 900 Euro übergab Kolping-Vorsitzender Reiner Gärtner an den Referenten. Diesen Betrag erbrachten die freiwilligen Spenden der Besucher, da kein Eintritt verlangt wurde.