Ansprache von Bischof Rudolf bei der Vesper zum Jahrestag der Bischofsweihe

26. Januar 2016

Ansprache bei der Vesper anlässlich des 3. Jahrestages der Bischofsweihe am 24. Januar 2016, 15:00 Uhr
von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer Bischof-3

 

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienstamt als Bischöfe, Priester und Diakone,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Pastoral, Schule und Verwaltung,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Vom heiligen Augustinus stammt das bekannte und oft zitierte Wort: „Wo mich schreckt was ich für euch bin, tröstet mich, was ich mit euch bin. Für euch bin ich nämlich Bischof, mit euch bin ich Christ. Jenes ist der Name des empfangenen Amtes, dieses der Gnade, jenes der Gefahr, dieses des Heiles (…)“ (Serm 340,1). Er hat es gesagt bei einer Predigt anlässlich des Jahrestages seiner Bischofsweihe, also bei genau einem solchen Anlass wie dem, der uns heute zusammenführt, da ich mit Ihnen zusammen den dritten Jahrestag meiner Bischofsweihe im damals noch etwas kälteren Regensburger Dom begehen darf.

 

„Wo mich schreckt was ich für euch bin, tröstet mich, was ich mit euch bin.“
Je länger ich nun schon das Bischofsamt ausüben darf, desto mehr kann ich die Worte des heiligen Augustinus nachvollziehen. Da ist das so ungemein Tröstliche des gemeinsamen Christseins! Die Lesung, die wir vorhin gehört haben, ist dem 1. Petrusbrief entnommen. Der 1. Petrusbrief ist eine dem Apostel Petrus zugeschriebene Taufkatechese, die uns in wunderbaren Worten an das Geschenk der Taufe und damit verbunden an das Geschenk des Glaubens und die in ihr gründende Hoffnung erinnert. Gott hat uns in Jesus Christus neu geboren zum ewigen Leben. Wir haben die Hoffnung auf das unzerstörbare ewige Heil empfangen. Dieses Christsein, das in der gemeinsamen Taufe gründet, verbindet uns alle.
Wie könnte ich heute nicht voll Dankbarkeit an meine im letzten Jahr verstorbene Mutter denken, die vor drei Jahren meine Bischofsweihe mitfeiern durfte, und deren Glauben wesentlich auch meinen Glauben geweckt hat. Bei meiner Taufe drei Tage nach meiner Geburt war sie selbst nicht dabei – so war es damals in den Geburtskliniken der Großstädte üblich, sie hatte aber während der Schwangerschaft schon an meinem Taufkleid gehäkelt und dann, gemeinsam mit meinem Vater, alles getan, dass die Taufgnade auch wirksam werden konnte.
Wenn die Diakone, Priester und Bischöfe sich zur Messfeier oder zur Vesper ankleiden, dann ziehen sie zuerst die Albe an, das weiße Gewand, d.h. das Taufkleid. Auch jetzt ist das Grundgewand die Albe: Mit Ihnen allen, das bringt dies zum Ausdruck, bin ich erst einmal ein getaufter Christ, spreche ich das Credo als Taufbekenntnis und Fundament. Bei allen Pastoralbesuchen und bei vielen Gottesdiensten und Begegnungen das ganze Jahr über durfte ich mich erfahren als Teil einer großen Glaubensgemeinschaft. Und getragen davon zu sein, gibt Kraft und Trost auch für die Verantwortung, die mir mit dem Bischofsamt nun auch übertragen ist.
Ich habe auch im letzten Jahr meinen Weg hinein ins Bistum fortgesetzt. Die weißen Flecken auf der Bistumskarte werden weniger. Doch es wird noch einige Zeit brauchen, bis ich wirklich alle Pfarreien besucht habe. Und weil ich höre, dass manche Pfarrei nicht weiß, ob ich wirklich komme oder ob sie nicht vielleicht zu klein sei für einen Bischofsbesuch, möchte ich es heute bekräftigen: Ich will wirklich alle Pfarreien des Bistums kennen lernen. Rechnen Sie mit mir. Es gibt mir nicht zuletzt selbst viel Kraft und Zuversicht, mit Ihnen den Glauben zu teilen, mich als Glied einer so großen Glaubensgemeinschaft erfahren zu dürfen! Ein Zeichen der Dankbarkeit und der Wertschätzung dafür soll sein, dass ich zum heutigen Tag wieder aus jeder Region des Bistums Frauen und Männer mit der Wolfgangs-Medaille ehren darf, zwei verdiente Kirchenmusiker zu Bischöflichen Kirchenmusik-direktoren und eine Reihe von Priestern zu Bischöflich Geistlichen Räten ernennen kann.
„Wo mich schreckt was ich für euch bin, tröstet mich, was ich mit euch bin“ sagt Augustinus.
Ja, das Amt bringt aber auch Last und Schrecken mit sich. Wie bereits im vorigen Jahr, so bedrängt mich auch heuer in besonderer Weise das schwere Erbe in Gestalt von körperlicher aber auch sexueller Gewalt gegenüber Schülern vor allem in der Vorschule der Domspatzen in Etterzhausen und Pielenhofen, verschuldet von Priestern und anderen Mitarbeitern vor in der Regel schon mehreren Jahrzehnten, aber die Wunden sind tief eingegraben und brechen noch immer auf. Es hatte sich gezeigt, dass die besagten Übergriffe doch zahlreicher und vor allem auch schwerer waren, als bisher angenommen. Bedauerlicherweise waren die in der Vergangenheit immer wieder unternommenen Versuche einer Selbstkorrektur zu wenig wirksam. So möchte ich heute bekräftigen, was ich vor einem Jahr gesagt habe: „Es schmerzt mich und tut mir in der Seele weh: jeder einzelne Fall, hinter dem ja ein Mensch steht, eine Kinderseele in diesen Fällen, schwer gequält, oft für das Leben gezeichnet. Ich kann es nicht ungeschehen machen und die Betroffenen nur um Vergebung bitten. Mein Anliegen war es von Anfang an, mit möglichst vielen Opfern persönlich zu sprechen – vorausgesetzt, die Gefahr einer Re-traumatisierung kann ausgeschlossen werden –, sie anzuhören und sie auch persönlich um Vergebung zu bitten.“ Die Zeitbedingtheit der Pädagogik, die hin und wieder verteidigend ins Feld geführt wird, rechtfertigt in keiner Weise die Exzesse körperlicher Züchtigung, wie wir sie beklagen müssen, und erst recht nicht die Fälle sexueller Gewalt, die zutage getreten sind!
Ich habe die Gespräche mit Betroffenen auch im vergangenen Jahr fortgesetzt und ich wiederhole mein Angebot an alle, mit ihnen zu reden, sie anzuhören und mich ihrem Leid zu stellen, wenn es ihnen hilft. Mein Dank gilt auch heuer unseren Beauf-tragten Frau Glaß-Hofmann und Herrn Dr. Linder, die für den Erstkontakt die Ansprechpartner sind und die mich bei den Gesprächen begleiten.
Zu den Maßnahmen, die das Bistum Regensburg in meinem Auftrag zur Aufarbeitung und Heilung unternommen hat, gehört dann vor allem die Bestellung eines un-abhängigen Rechtsanwaltes, der, frei von jedem Verdacht, Partei zu sein, den Opfern als Anlaufstelle zur Verfügung steht und die Aufarbeitung in guter Weise voranbringen kann. Ich bin Herrn Rechtsanwalt Ulrich Weber sehr dankbar für seine Ar-beit. Ich bin froh, dass etliche Opfer Vertrauen in ihn gefasst und sich gemeldet haben. Und alle, die vielleicht noch zögern, bitte ich, sich bei ihm zu melden. Herr Weber hat vor ein paar Tagen, Sie haben es alle mitbekommen, einen Zwischenbericht vorgelegt. Der nächste Schritt wird die Konstituierung eines Kuratoriums sein. Ganz bewusst sind hier Vertreter der Betroffenen mit eingebunden, um mit ihnen das wei-tere Vorgehen auf breiter Basis zu diskutieren und mit Ihnen weiter den Weg einer konsequenten Aufklärung gehen zu können.
Erstes und oberstes Ziel all dieser Bemühungen ist es, den Opfern Anerkennung und Genugtuung, und so vielleicht auch wenig Heilung ihrer schweren Wunden zu ver-schaffen. In diesem Sinne sind auch die so genannten Anerkennungszahlungen zu verstehen, die niemals eine Entschädigung sein können, sondern allenfalls ein Zeichen unserer Zerknirschung und der Ehrlichkeit unserer Bemühungen. Im Sinne dieser Zielsetzung bitte ich aber auch alle, diese menschlich so herausfordernde und sensible Problematik freizuhalten sowohl von Rechtfertigungs- als auch von Instrumentalisierungsversuchen.
Und, liebe Schwestern und Brüder, die Ehrlichkeit verlangt auch, auf noch etwas hinzuweisen. Am vergangenen Mittwochabend war das Thema Missbrauch in der Talk-Show von Sandra Maischberger auf der Tagesordnung. Es war der dazu eingeladene Beauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig, der auf die (wörtlich) „riesen Fortbildungsoffensive“ der katholischen Kirche in Sachen Prävention anerkennend hingewiesen hat.

 

Liebe Schwestern und Brüder, gegenwärtig wird in der Öffentlichkeit viel über unse-re Werte und unsere abendländische Kultur gesprochen. Die Kirchenmusik ist ein wesentliches Element dieser Kultur, das in unserem Glauben gründet und der Litur-gie und der Gottesverehrung dient. Keine andere Religion hat einen solchen Reichtum an Kunst und Schönheit hervorgebracht! Und die Schönheit dieser Kunst ist ein Medium der wirkmächtigen Verkündigung des Glaubens. In jahrzehntelanger Arbeit ist unser Domchor zu einem international anerkannten und bewunderten Chor ge-formt und zu einer beachtlichen Höhe geführt worden. Unser heutiger Domkapellmeister Roland Büchner baut auf den überlieferten Fundamenten weiter und verdient unser aller höchste Anerkennung. Die von Musikgymnasium, Chor und Internat vermittelte umfassende Bildung, die alle Bereiche der Persönlichkeit umfasst, wird von vielen ehemaligen Domspatzen immer wieder gerühmt und dankbar erinnert.
Ich möchte heute an alle Eltern appellieren, die sich vielleicht mit dem Gedanken tragen, ihren Sohn auf die Grundschule der Domspatzen oder auf das Gymnasium zu schicken und die vielleicht zögern: Die heute in den verschiedenen Bereichen der Domspatzen Verantwortlichen sind bestürzt über die Vorgänge in der Vergangenheit und tun alles, um den Schülern die bestmögliche Ausbildung zukommen zu lassen. Die Domspatzen stehen heute für eine Pädagogik der Freiheit, der Persönlichkeits-bildung und der fördernden Ermutigung. So kann auch die Zukunft mit und für die Domspatzen gelingen, damit nicht die gegenwärtige Generation und künftige unter dem leiden müssen, was den früheren angetan worden ist. Das Gymnasium der Domspatzen ist nach meiner Ansicht vergleichbar mit Eliteschulen, wie wir sie etwa in den Schi-Gymnasien in unserem Land haben. Was dort im Sport an hervorragender Ausbildung geleistet und an Erfolgen erzielt wird, ist bei den Domspatzen in kultureller Hinsicht gegeben.
So bitte ich Sie alle: Helfen Sie mit, wo und wie es Ihnen möglich ist, dass wir alle gereinigt und geläutert aus dieser Situation hervorgehen und den Schatz der von den Domspatzen gepflegten Kirchenmusik auch den kommenden Generationen weiter-vermitteln können.

„Wo mich schreckt was ich für euch bin, tröstet mich, was ich mit euch bin.“
Ich bitte Sie am dritten Jahrestag meiner Weihe weiterhin um Ihr Wohlwollen und vor allem um Ihr Gebet. Empfehlen wir den Weg der Kirche von Regensburg den Seligen und Heiligen unseres Bistums, allen voran dem heiligen Wolfgang, der heiligen Anna Schäffer und der Gottesmutter Maria. Bittet für uns alle, Amen.