Positionspapier des Kolpingwerkes zur Ganztagsschule

11. Juni 2015

Positionspapier des Kolpingwerkes Deutschland zur Ganztagsschule

Das Kolpingwerk hat im Jahre 2013 „Überlegungen des Kolpingwerkes
zum verbandlichen Engagement an Schulen verabschiedet. In dem Papier wurden
unterschiedliche Aktivitäten und Praxisbeispiele dargestellt und die verbandlichen
Ebenen ermuntert, sich in diesem Bereich zu engagieren. Im Bundeshauptausschuss 2013 in Köln wurde der Bundesvorstand aufgefordert eine grundsätzliche verbandspolitische Bewertung vorzunehmen.

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Im Positionspapier „Ganztagsangebote als neue Herausforderung an Schule“ aus dem Jahre 2013 wurde der Vorrang des elterlichen Erziehungsrechts betont. Ganztagsangebote
könnten eine sinnvolle Ergänzung sein. Zwischenzeitlich hat es in dem Bereich viele
Entwicklungen gegeben.

 

Die Angebote haben in den letzten Jahren stetig zugenommen.
Inzwischen verfügt jede zweite Schule über ein ganztätiges Angebot. Jede dritte Schülerin
bzw. jeder dritte Schüler allgemeinbildender Schulen nimmt inzwischen am Ganztags-angebot der Schule teil. Der Ausbau findet inzwischen in allen Bundesländern statt.
Ganztagsschulen werden entsprechend der Definition der Kultusministerkonferenz der
Länder in drei Organisationsformen unterschieden: die voll gebundene, die teilweise
gebundene und die offene Form. Sie unterscheiden sich in erster Linie in Bezug auf den
Verbindlichkeitsgrad der Teilnahme der Schülerinnen und Schüler.
Allerdings bestehen zwischen den einzelnen Bundesländern deutliche Unterschiede in der
konkreten Ausgestaltung bzw. Organisationsform der Ganztagsangebote, u.a. im Hinblick auf Öffnungszeiten sowie zusätzlicher Angebote wie der pädagogischen Mittagsbetreuung. Aus diesem Grund können für eine bundesweit gültige Positionierung lediglich einige Eckpunkte  benannt werden.

Der 14. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung spricht mit Blick auf die
Entwicklungen im Ganztagsschulbereich von strukturell und inhaltlich unterschiedlichen
Reformanstrengungen in den einzelnen Bundesländern. Über die Frage, wohin sich
Ganztagschulen in Deutschland entwickeln sollen, gibt es weder eine ausgeprägte
bildungspolitische Debatte, noch einen grundlegenden Verständigungsprozess über zentrale

Eckwerte eines Ganztagsschulkonzepts.
Forschungsergebnisse der letzten Jahre belegen, dass dort, wo es sich um eine freiwillige
Teilnahme handelt, Kinder aus bildungsnahen Familien häufiger das Ganztagsangebot
wahrnehmen. Weiterhin zeigt sich, dass durch Ganztagsangebote die immer wieder
erhobene Forderung einer verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf
nachgekommen wird.
Mit Sorge nimmt das Kolpingwerk aber auch wahr, dass die Ausdehnung der täglichen
Schulzeit aufgrund der Ganztagsangebote an Schulen jungen Menschen Zeit- und
Freiräume für freiwilliges und selbstbestimmtes Engagement nimmt. Gerade in unserer
heutigen Zeit braucht es Kreativität und eigenverantwortliches Handeln. Hier bieten
Jugendverbände gute Möglichkeiten und Räume der Einübung.
Das Kolpingwerk bringt sich, orientiert am christlichen Menschen- und Weltbild, mit seinen differenzierten Angeboten – sowohl von Kolpingsfamilien als auch verbandlichen
Einrichtungen und Unternehmen – im Ganztagsschulbereich engagiert ein.

 

 

Positionen und Forderungen:

1. Ganztagsschulen können eine notwendige und sinnvolle Erweiterung der Schul-landschaft sein. Sie müssen eine Option, dürfen aber nicht verpflichtend sein, da der Vorrang des elterlichen Erziehungsrechts und Wahlfreiheit gewährleistet sein
sollen.
2. Zentrale Eckwerte für ein bundesweites Konzept für Angebote an Ganztagsschulen
sowie verbindliche pädagogische und am Kindeswohl ausgerichtete Qualitätsstandards – einschließlich der Sicherstellung einer entsprechenden Finanzierung – sind zu entwickeln. Dabei sind die Angebote möglichst über den Tag zu verteilen.
3. Soweit Ganztagsschulen vor allem in der gebundenen Form bildungs- und sozial-politische Ziele verfolgen, ist eine möglichst breite freiwillige Einbeziehung aller
Schülerinnen und Schüler zu verfolgen.
4. Es ist darauf zu achten, dass individuelle Betreuung, Rückzugsmöglichkeiten, die
Pflege von privaten Freundschaften oder persönlicher Hobbies gewährleistet sind.
Bei der Erstellung und Weiterentwicklung eines Ganztagschulkonzeptes sind Kinder,
Jugendliche und Eltern angemessen zu beteiligen.
5. Wesentliche Impulse kann die Ganztagsschule durch außerschulische Partner –
durch Jugendverbände und Vereine – erhalten. Sie sind daher subsidiär einzubinden.
6. In jedem Bundesland muss es mindestens einen landesweiten schulfreien
Nachmittag geben. Für Kinder und Jugendliche, die sich nicht in Vereinen und
Verbänden engagieren, muss an diesen Nachmittagen eine entsprechende
Betreuung gewährleistet werden.

Beschlossen in der Sitzung des Bundesvorstandes am 13. Juni 2015 in Frankfurt