Duale Ausbildung ein Erfolgsmodell – Handwerk bietet Perspektiven

29. Januar 2015

 

Haber-KWK-Präsident

 

Interview mit Dr. Georg Haber (Bild r.),
Präsidentder Handwerkskammer Ndb.-Opf. ,

und den Vizepräsidenten Franz Greipl und Albert Vetterl

Am 18. Juli 2014 wurde Dr. Georg Haber zum Präsidenten der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz gewählt, Franz Greipl und Albert Vetterl als Vizepräsidenten bestätigt. Erstmals gibt es damit nicht zwei, sondern nur noch einen Präsidenten, dafür 5 Vizepräsidenten.

Kolping Regensburg interviewte die drei Kolpingsöhne:

1.Wie haben Sie sich in das neue Amt eingearbeitet?
Dr. Georg Haber: Nach meiner Wahl gratulierte mir der Regierungspräsident und gab mir den Rat: „Vergessen Sie bitte Niederbayern nicht!“ Da wurde mir  bewusst, dass ich als Oberpfälzer besonders auch auf Niederbayern achten muss, es gibt ja nur noch einen Präsidenten. Ich habe deshalb ganz bewusst schon viele Besuche in Niederbayern gemacht, bei den Beziehungspartnern des Handwerks, bei Mandatsträgern, Bürgermeistern, den Innungen oder unseren Bildungszentren, so dass ich mittlerweile in beiden Regierungsbezirken gut bekannt und gut vernetzt bin. Auch die Kontakte zu unserem Bischof Dr. Rudolf Voderholzer und zu Kolping sind bestens.

2.Welche Themen wollen Sie in der Amtszeit anpacken?
Dr. Georg Haber: Ein Schwerpunkt ist sicherlich, das Image des Handwerks weiter zu verbessern, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Wichtig ist mir auch die Beziehung zu den Kreishandwerkerschaften und den Innungen, damit wir an einem Strang ziehen. Es geht um die Stärkung der beruflichen Bildung, den Einsatz für den Meistervorbehalt und natürlich generell um die Aufrechterhaltung unseres bewährten dualen Ausbildungs-systems. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, das duale Ausbildungssystem ist ein absolutes Erfolgsmodell, um das uns viele Länder weltweit beneiden. Eine einseitige Betonung der akademischen Ausbildung geht an der wirtschaftlichen Realität vorbei. Was nutzt ein akademischer Abschluss, wenn es keinen Arbeitsplatz dafür gibt. Ziel muss daher sein, die Bildungsströme dem Bedarf anzupassen. Es gilt die „Intelligenz der Hand“ aufzuwerten. Junge Menschen sollten einen Beruf je nach Talent und Begabung anstreben, wo sie letztlich Erfüllung und Bestätigung finden. Dazu müssen auch die „Köpfe der Eltern“ verändert werden und der Stellenwert des Handwerks aufgewertet werden. Wir brauchen nicht nur Juristen oder Betriebswirtschaftler, wir brauchen auch Handwerker, die Brot backen, die ein Haus bauen oder eine elektrische Installation einbauen können.

3. Hat das auch die Politik verstanden?
Georg Haber: Ich habe den Eindruck, das hat man mittlerweile verstanden, bis hin zur Kanzlerin. Das Handwerk bildet nicht nur für sich selber aus, sondern auch für andere Bereiche, wenn z. B. Lehrlinge nach der Ausbildung in einen Industrie-Betrieb wechseln. Der im Ausland geschätzte, „German-Mittelstand“ macht unsere Wirtschaft stark. Die kleineren und mittleren Betriebe schreien nicht sofort nach dem Staat, wenn die Konjunktur einbricht. Auch wenn kleinere Betriebe nicht „systemrelevant“ sind, das Handwerk insgesamt ist es sehr wohl. Wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen Handwerk und Industrie.

Im weiteren Gespräch nahmen Georg Haber, Albert Vetterl und Franz Greipl noch gemeinsam Stellung zu den Fragen:

4.Wie kann man dem Lehrlingsmangel begegnen?
Am wenigsten Probleme haben Betriebe mit gutem Betriebsklima und guter Mitarbeiterführung. Das ist heute ganz wichtig. Wir bemühen uns aktuell auch sehr um die sog. unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die zu uns kommen. Ich habe einen Brief an 20.000 Ausbildungsbetriebe geschrieben, ob sie Praktikanten nehmen würden. In den sog. BAF-Klassen (‚Berufsschulpflichtige Asylbewerber und Flüchtlinge) an Berufsschulen kann man die Sprache lernen und ein Berufs-Praktikum absolvieren, wo man seine Talente entdecken kann. Daraus kann ein Lehrverhältnis entstehen, dadurch werden diese Jugendlichen am besten integriert. Hier müssen noch einige bürokratische Barrieren abgebaut werden.
Ein wichtiger Ansatz ist auch die sog. Berufsorientierung, seit 2007 gibt es 25.000 Berufsorientierer, jetzt nicht nur für Mitttelschul-, sondern auch für Realschul- und Gymnasial-Absolventen. Eine wichtige Ergänzung ist auch das sog. BerEb-Programm (Berufseinstiegsbegleitung) der Arbeitsagentur oder abH (= ausbildungsbegleitende Hilfen), die auch vom Kolping-Bildungwerk seit vielen Jahren erfolgreich durchgeführt werden. Das Handwerk wirbt mittlerweile auch verstärkt um Studienabbrecher und Gymnasiasten. Unsere Kammer unterstützt sogar Kooperationsprojekte mit den Hochschulen, um Studienabbrecher für eine handwerkliche Ausbildung zu gewinnen. Das Handwerk bietet hervorragende berufliche Perspektiven, auch im zweiten Anlauf.

5. Muss sich im Bildungsbereich etwas ändern?
Ganz wichtig ist die Durchlässigkeit des Bildungssystems. Da hat sich in den letzten Jahren viel getan. Es gilt die Formel „kein Abschluss ohne Anschluss!“ Gesellen- und Meisterprüfung eröffnen ja mittlerweile auch den Zugang zu den Hochschulen. Wir wollen, dass junge Menschen sich entsprechend ihren Neigungen entwickeln können. Manch einer entdeckt, dass das Studium gar nicht der richtige Weg ist, dass vielleicht eine praktische Ausbildung besser für ihn ist oder umgekehrt, dass ein Facharbeiter oder Meister später noch ein Studium dranhängen will. Deshalb muss unser Bildungssystem durchlässig sein. Dabei gibt es nicht nur den akademischen, sondern auch den praktischen Weg und das müssen wir auch in der Öffentlichkeit und bei Eltern verdeutlichen und für ein gutes Image im Handwerk kämpfen.

6. Wir haben strukturschwache Gebiete in der nördlichen Oberpfalz oder im Bayerischen Wald
Die gibt es natürlich, die Probleme sind aber lösbar durch eine gute Infrastruktur, z.B. durch den Breitband-Ausbau odereine  gute Verkehrsanbindung. Mancher Betrieb entdeckt mittlerweile auch die Vorzüge der ländlichen Region wie die gute Lebensqualität, Naherholung, niedrigeres Preisniveau mit bezahlbaren Wohnungen oder auch gute soziale Beziehungen usw.
Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte L. Haindl